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24.07.08

Geburt per Kaiserschnitt - ja oder nein? Die Sectio-Rate steigt!


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Hier ein aktueller Artikel von Sigrun Rux aus der Zeitschrift clinicum 05/2008, S.20-21 in Kombination mit der Podiumsdiskussion „Ein Schnitt ins Leben. Kaiserschnitt – warum?“ Wien, 7.5.2008

Steigende Anzahl von Kaiserschnitt-Geburten

Trotz ansteigender Sectiorate zeigt eine Bremer Studie, dass der vieldiskutierte Wunschkaiserschnitt im deutschsprachigen Raum ein relativ seltenes Phänomen ist. Ein Großteil der durchgeführten Schnittentbindungen beruht auf Empfehlung von Ärzten. Zehn bis 15 Prozent der durchgeführten Kaiserschnitte sind laut WHO tatsächlich medizinisch indiziert. In Österreich kommt jedes dritte, im Burgenland jedes vierte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Das entspricht einer Verdoppelung innerhalb der letzen zehn Jahre, wobei ein deutliches Ost–West–Gefälle spürbar ist. Während sich in Wien die Sectiorate zwischen 15 und 43 Prozent (Privatspitäler) einpendelt, werden in einigen Spitälern in Salzburg, Tirol und Vorarlberg rund zehn Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt entbunden. 

Kaiserschnitt bedingt durch Krankenhaus-Ökonomie

Gründe dafür gibt es viele: Zum einen hat sich das Risikoprofil der Schwangeren verändert, weil sie im Durchschnitt später gebären als noch vor zehn Jahren. Aber auch organisatorische und ökonomische Überlegungen im Spital sprechen oft für einen Kaiserschnitt: Er lässt sich leichter planen und in die Klinikroutine einbinden. Vor allem vor den schlecht besetzten Wochenendeschichten wird häufiger eine Sectio durchgeführt, wie aus einer WHO-Studie hervorgeht. Der Anteil der Ärzte die am Freitagnachmittag pünktlich nach Hause gehen wollen, erklärt jedoch nicht alles. 

Erhöhtes Sicherheitsdenken werdender Eltern

Für Prim. Univ.-Prof.Dr.Karl Philipp, Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener SMZ Ost-Donauspital liegen die Ursachen für die steigende Sectiorate in einem erhöhten Sicherheitsdenken der Eltern, aber auch in der Forderung nach der „perfekten Geburt“ und dem „perfekten Kind“. „Auffallend ist z.B., dass IVF-Kinder (durch In-vitro Fertilisation gezeugt, Anm.) häufiger per Kaiserschnitt zur Welt kommen.“ analysiert Philipp. „Und das nicht etwa, weil mehr Geburtskomplikationen zu erwarten sind, sondern weil die Eltern sicher gehen wollen, dass bei der Geburt des so heiß ersehnten Kindes keinesfalls etwas schief geht.“

Kaiserschnitt – die sichere Operation?

Dazu kommt der juristische Aspekt: Die Anzahl der Prozesse steigt, bei denen Eltern das Fehlen von geburtsmedizinischen Interventionen für eine Schädigung ihres Kindes verantwortlich machen. „In Haftpflichtprozessen werden die Ärzte so gut wie nie gefragt, warum ein Kaiserschnitt erfolgte, sondern nur, warum nicht“, so die Erfahrung des Primars. Vielerorts geht die Geburtshilfe daher in die Defensive und sieht – um allfällige Klagen der Eltern auszuschließen – im Kaiserschnitt die sichere Option. „Es ist aber falsch zu sagen, Komplikationen wären vermeidbar gewesen, hätte man a priori eine Sectio gemacht“, kritisiert Philipp. „Die meisten Schädigungen beim Kind geschehen schon während der Schwangerschaft, beispielsweise Durchblutungsstörungen der Plazenta oder andere ungünstige Voraussetzungen vor der Geburt.“

Ärzte beeinflussen Entscheidung pro oder contra Kaiserschnitt

Dass die Angst vor Schmerzen, die bessere Planbarkeit oder Schnelligkeit eines Kaiserschnittes bei Frauen mit etwa drei Prozent eine eher untergeordnete Rolle spielt, belegt eine deutsche Studie, die im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse (GEK) entstanden ist. In der so genannten GEK-Kaiserschnittstudie werteten Wissenschaftler die persönlichen Erfahrungen von 1.399 Frauen aus, die im Jahr 2004 per Kaiserschnitt entbunden hatten. „Die Studienergebnisse zeigen, dass das Argument, es seien die Frauen selbst, die einen Anstieg der Kaiserschnittraten verursachen, weil sie auch ohne medizinische Indikation auf eine Schnittentbindung drängen, zumindest in Westeuropa ein Mythos ist“, betont Prof. Dr. Petra Kolip vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen (IPP), wo die Studie durchgeführt wurde. “Fast 90 Prozent der Frauen, die eine Kaiserschnittgeburt hinter sich haben, sind der Ansicht, dass diese nur im Notfall durchgeführt werden sollte“, berichtet Kolip.

Immer mehr Ärzte empfehlen den Kaiserschnitt

Betreuende Ärzte haben in der Schwangerschaft einen maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung zur Sectio, so ein weiteres Ergebnis der GEK-Studie. Fast 60 Prozent der Frauen gaben an, dass der Arzt einen Kaiserschnitt empfohlen hätte, nur bei 2,6 Prozent der befragten waren sie dagegen. Gering ist auch der Anteil der Frauen, die angaben, der Arzt hätte lieber abgewartet oder sei eindeutig ihrer Meinung gewesen. Die Einflussnahme der Hebamme ist deutlich geringer. In nur 27 Prozent der Fälle hatte die Hebamme eine Sectio empfohlen, aber insgesamt 43 Prozent der Frauen hatten keine Hebamme in der Vorsorge. Nur die Hälfte der Frauen war tatsächlich in die Entscheidung für einen Kaiserschnitt eingebunden. Hier gebe es sicherlich noch Handlungsbedarf. „Internationale Studien zeigen jedenfalls, dass die Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis umso größer ist, je stärker die Bedürfnisse der Frauen bei der Geburt berücksichtigt werden“, meint Kolip. Andererseits bedeutet auch die kontinuierliche ansteigende Sectiorate, dass man sich hierzulande mehr auf die Bedürfnisse der Schwangeren einstellt. Mit der Indikation Sectio wird heute anders umgegangen als früher. Philipp:“ Wird ein Kaiserschnitt ohne medizinische Begründung gewünscht, müssen zwar die durch die Operation bedingten Risiken dargestellt werden und auch seltene Komplikationen Erwähnung finden.“ Hat eine Frau trotz intensiver Aufklärungsgespräche noch immer massive Ängste, stellt es für den konservativen Geburtshelfer aber kein Problem dar, auch die „mütterliche Angst“ als eine Indikation für eine Sectio zu akzeptieren. Ein Problem sieht der Experte allerdings darin, dass es immer schwieriger würde, bei normalen Geburten Erfahrungen zu sammeln. „Je weniger Erfahrung ein Gynäkologe mit Vaginalentbindungen hat, desto eher wird er bei einem komplizierten verlauf eine Sectio anstreben.

Die Top Ten der Sectionierer (Quelle: der Standard Printausgabe 31.12.07/1.1.08)

AKH Wien                                                       42,9 %
Universitätsklinik Innsbruc                         39,1 %
Krankenhaus Oberwart                               37,5 %
Landesklinikum Tulln                                  36,0 %
Krankenhaus Oberpullendorf                    35,5 %
LKH Deutschlandsberg                              33,4 %
LKH Leoben                                                  32,3 %
Krankenhaus Klosterneuburg                   32,3 %
Bezirkskrankenhaus St. Johann                32,3 %
LKH Feldkirch                                               32,0 %

Sectio (Kaiserschnitt) aus sozioökonomischer Sicht

Für die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) macht der Geburtsmodus de facto keinen Unterschied. „Bezahlt wird ohnehin jede Geburt im öffentlichen Krankenhaus“, sagt Mag. Jan Pazourek, Pressesprecher der WGKK. „Wir haben zudem kaum Möglichkeiten zu überprüfen, ob ein Kaiserschnitt tatsächlich medizinisch indiziert ist. Dies liegt im Ermessenspielraum der Ärzte. „Ausschlaggebend seien weniger die Spitalskosten, den die Zahl der Krankenhaustage sei vor allem aufgrund des Fast-Track-Konzepts beim Kaiserschnitt etwa vergleichbar mit den Aufenthaltstagen bei einer Vaginalgeburt. Was dagegen laut Pazourek sehr wohl ins Gewicht fällt, sind die Kosten für das erhöhte Wochengeld, das bei einer Sectio insgesamt für vier Wochen länger ausbezahlt wird als bei einer Normalgeburt. „Hier können wir auch nur an die Ärzte appellieren, das Kriterium der medizinischen Notwendigkeit nach vorne zu stellen.“

Hebammen sind gegen Kaiserschnitt und bevorzugen die vaginale Geburt

Hebammen halten nach wie vor an der vaginalen Geburt fest. Das ist auch einer der Gründe, warum das Thema in der Schwangerenbetreuung für sie einen sehr untergeordneten Stellenwert hat. Aus emotionaler Sicht spreche vor allem das fehlende Geburtserlebnis der Frau gegen den Kaiserschnitt. Außerdem stellt sich der Eingriff trotz sanfter Operationstechniken à la Misgav-Ladach und Fast Track Surgery postoperativ für viele Mütter als weitaus größere Belastung heraus als erwartet: In der Folge kann das Bonding zischen Mutter und Kind erschwert sein, entsprechend häufig haben diese Mütter Stillprobleme.

Das Österreichische Hebammengremium bezieht Stellung zum Kaiserschnitt

Die Präsidentin des österreichischen Hebammengremiums Renate Großbichler-Ulrich fordert daher eine verstärkte Beratung werdender Mütter durch Hebammen, aber auch eine strukturelle Stärkung auf den geburtshilflichen Stationen der Kliniken. Sie kritisiert in erster Linie, dass die meisten Hebammen von Ärzten in Sachen Geburtshilfe noch immer nicht gleichwertig behandelt werden. Hebammen würden außerdem zu wenig eingebunden werden, wenn die Frage „Kaiserschnitt ja oder nein“ auftaucht. „Das medizinische und hochtechnische Geburtsmanagement in den Krankenhäusern führt leider dazu, dass ein Großteil der Geburten nicht ohne medizinische Intervention auskommt“, bedauert Großbichler-Ulrich. Dem setzt Philipp entgegen, dass jede Schwangere bereits bei Aufnahme in der Spitalsambulanz einen Behandlungsvertrag mit einem Arzt eingehe. Demnach trage der Arzt auch in juristischem Sinne die letzte Verantwortung für die Geburt.

(Artikel von Sigrun Rux aus der Zeitschrift clinicum 05/2008, S.20-21 in Kombination mit Podiumsdiskussion „Ein Schnitt ins Leben. Kaiserschnitt – warum?“ Wien, 7.5.2008)

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